Unsere Albschäfer

Tradition und Moderne

Schäfer erscheinen mit ihrem Gewand und dem Stab wie Boten einer vergangenen Zeit. Dabei sind heutige Schäfer alles andere als altmodisch. Wenn die Sontheimer Schäferin Ruth Häckh mit ihrer Herde zwischen den Weideflächen wechselt, muss sie immer wieder die Bahnlinie überqueren. Dazu stimmt sie sich jedes Mal per Mobiltelefon mit der Bahn ab, damit ihr und den Tieren genügend Zeit bleibt. So bringt das Handy ein Stück mehr Sicherheit. In anderen Belangen verlassen sich die Schäfer ganz auf die Tradition: Das Gewand schützt vor Kälte und Regen ebenso wie vor zu viel Sonne. Auf den langen Stab können sie sich nicht nur aufstützen, die kleine Schippe erlaubt es, giftige Pflanzen auszustechen. Der Haken ermöglicht es außerdem, einzelne Tiere behutsam einzufangen. Was bei aller Unterstützung nicht fehlen darf: die jahrelange Erfahrung, das Gespür für die Tiere und die Leidenschaft für den faszinierenden Beruf.

Landschaftspfleger auf vier Beinen

Ohne Schafe sähe die Schwäbische Alb vollkommen anders aus: Erst die regelmäßige Beweidung hat über Jahrhunderte die malerischen Wacholderheiden geschaffen – wie hier rund um den Hermaringer Schlossberg mit der Ruine der Güssenburg. Ob die Bewohner der Güssenburg den Blick vom Schlossberg so sehr genossen haben wie heutige Wanderer, ist nicht überliefert. Sicherlich werden aber auch schon damals Schafherden durchs Blickfeld der Wachleute gezogen sein. Die sanfte Landschaft mit ihren verstreuten Wacholdern ist schließlich kein Zufall, sondern Ergebnis jahrhundertelanger Beweidung. Hatten die Schafherden einst den Zweck, Wolle, Fleisch und Milch zu liefern, dienen sie heute vor allem der Pflege unserer Kulturlandschaft auf der Alb. Zieht der Schäfer mit seiner Herde über die Heide, lässt er den Tieren die Zeit, wohlschmeckende Kräuter zu fressen und dabei das typisch Verfilzte dieser Magerrasen aufrechtzuerhalten. Nebenbei tragen die Tiere in ihrer Wolle Samen und Insekten weiter und sichern so die Verbreitung und den Erhalt vieler Arten. Natürlicher ist Landschaftsschutz kaum möglich.

Am Ursprung von Musik und Kunst

Auch wenn die Schäferei eine jahrhundertealte Tradition hat – am Archäopark Vogelherd blicken Wanderer 40.000 Jahre zurück in die Geschichte. Lange bevor die Menschen auf der Alb überhaupt an Schafzucht oder das Hüten mit gut ausgebildeten Hunden dachten, streiften hier schon Neandertaler und später die ersten modernen Menschen als Jäger und Sammler durch das enge Tal. Die Lone, zur Hochzeit der Höhlenbesiedelung vor mehreren zehntausend Jahren noch ein mächtiger Fluss, war die Lebensader der frühen Menschen. Rundherum breitete sich dagegen eher karge Steppe aus. Der Archäopark Vogelherd und die Höhlen entlang der Lone erlauben einen faszinierenden Einblick in das Leben unserer Vorfahren und die Wiege der Kunst und Musik. Hier wurden aus Mammut-Elfenbein die ältesten bislang bekannten Figuren geschnitzt, wie das Mammut und das Wildpferd vom Vogelherd oder der Löwenmensch vom Hohlenstein. Seit Sommer 2017 sind ein Teil des Lonetals mit Vogelherdhöhle, Hohlenstein-Stadel und Bocksteinhöhle sowie weitere drei Höhlen im Achtal als UNESCO-Welterbe „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ anerkannt.

Mehr als Hüten: der Schäferberuf

Die Arbeit der Schäferinnen und Schäfer ist vielfältiger und anstrengender, als sie oft erscheint. Das Hüten ist zwar die Hauptaufgabe, daneben warten jedoch viele weitere Arbeiten – bis hin zur Hundeausbildung. Heute sieht man die Wanderschäfer mit ihren Herden eher selten. Damit ihre Tiere in Ruhe fressen können, beweiden sie bevorzugt Flächen abseits von Siedlungen und viel befahrenen Straßen. Dann aber ist die Silhouette des Schäfers mit seinem Gewand und der Schäferschippe weithin zu sehen. Dabei umfasst die Arbeit des Schäfers sehr viel mehr als das gemächliche Gehen vor seiner Herde. Viele Schäfer betreiben Landwirtschaft, zum Beispiel um Winterfutter anzubauen. Nebenbei müssen sie fortwährend Hunde ausbilden, mit denen sie ein unzertrennliches Team bilden. Morgens erledigen sie Stallarbeit, bevor sie zum Hüten gehen. Dabei müssen sie oft auch Straßen oder Bahnlinien überqueren, denn so beschaulich wie unterhalb des Falkensteins im Eselsburger Tal ist es für die Schäfer nicht auf jedem Trieb.

Schäfer aus Tradition

Die Landwirtschaft war auf der Alb schon immer etwas mühsamer. Deshalb hat die Wanderschäferei hier eine jahrhundertealte Tradition – oft auch innerhalb der Schäferfamilien. Schäfer – das ist kein Beruf, den man abends einfach an den Haken hängt. Die Schäferinnen und Schäfer leben mit ihren Herden, sie kennen jedes einzelne Tier und seine Eigenheiten, kümmern sich um die Hundeerziehung und das Futter für den Winter. Und ganz offensichtlich vererben sie die Leidenschaft für die Schäferei auch: Viele Betriebe, wie hier der Schafhof der Familie Banzhaf, sind seit etlichen Generationen in Familienhand. Die älteren Schäfer geben die Begeisterung für den Beruf und das vielfältige Wissen über Flora und Fauna an die jüngeren weiter. Mit dieser Begeisterung erlernen auch heute noch junge Menschen – darunter immer häufiger junge Frauen – den Schäferberuf. Und auch wenn die Arbeit hart ist und Schäfer selten reich werden: Mit Fleiß und Geschick finden Schäfer immer einen Weg für sich und ihre Herden.

Küpfendorf: typisch Alb

Kleine Dörfer wie Küpfendorf prägen heute noch die Ostalb abseits der wenigen Städte. Früher vor allem von der Landwirtschaft geprägt, sind sie heute eher geschätzte Wohnorte für alle, die es etwas ruhiger mögen. Küpfendorf wirkt abgeschiedener, als es tatsächlich ist. Die Kreisstadt Heidenheim ist immerhin nur eine kurze Wanderung durch den Wald entfernt. Dennoch vermittelt Küpfendorf mit seinen rund zwei Dutzend Haushalten den Eindruck eines typischen Albdorfs: ein Dorfplatz mit Brunnen, Höfe und Häuser entlang weniger Straßen, umgeben von satten Wiesen mit Obstbäumen, in weiterer Entfernung dichter Wald. Damit erscheint Küpfendorf wie eine Geschichte aus alter Zeit, als die Dörfer auf dem Land noch Lebensmittelpunkt und Arbeitsplatz der Menschen waren. Und dazu gehörten ganz selbstverständlich auch die Schäfer, die wichtige Rohstoffe und Dienstleistungen zum Gemeinwohl beitrugen, auch wenn man sie – wie diese Stele – meist eher als ferne Silhouetten inmitten ihrer Herden sah. Heute kommt rechnerisch im Landkreis Heidenheim ein Schäfer auf eine Gemeinde, in vielen Dörfern wie Küpfendorf ist kein Hüte- und Wanderschäfer mehr ansässig.

Höchste Qualität: das „Ostalb Lamm“

Der Schafhof Smietana, ist einer der Schäfereibetriebe der Initiative „Ostalb Lamm“. Dieses Gütesiegel steht für artgerechte Haltung, ausgezeichnete Fleischqualität – und die Kochkunst der beteiligten Gastronomen. 2004 riefen der Landkreis Heidenheim, Schäfer und Gastronomen die Initiative „Ostalb Lamm“ ins Leben. Seither hat diese Spezialität weit über die Region hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt. Das regionale Gütesiegel steht für traditionelle Hüteschafhaltung, die der Pflege der landschaftsprägenden Wacholderheiden dient, für artgerechte Tierhaltung, Futtermittel ohne gentechnische Veränderung sowie Fleisch von höchster Qualität und zartem Geschmack. In ausgewählten Restaurants der Region wird das „Ostalb Lamm“ nach traditionellen Rezepten und in kreativen Varianten zubereitet. So trägt auch der bewusste Genießer zum Erhalt der reizvollen Kulturlandschaft auf der östlichen Alb bei.

Wandern und bewusst genießen

Wandern macht Appetit – und das perfekte Pendant zum Gehen in der Natur ist das bewusste Genießen bei den herausragenden Gastgebern entlang des Albschäferwegs. Das „Ostalb Lamm“ steht zum Beispiel in Zang beim Löwenwirt auf der Speisekarte. Schwer zu sagen, ob die Schafe das saftige Gras und die Kräuter auf ihren Weiden genießen. Uns Menschen erscheint der würzige Duft der Wacholderheiden im Sommer aber wie eine Einladung zu ausgiebigem Genuss. Das wissen auch die Wirte und Küchenmeister in der Region, die sich in der Initiative „Ostalb Lamm“ zusammengefunden haben. Sie setzen auf Hochgenuss aus regionalen Zutaten und kreativer Zubereitung. Ob Lamm-Curry, Sauerbraten vom Lamm oder leichter Salat mit Lammfilet – das „Ostalb Lamm“ ist über die Region hinaus zu einem festen Begriff für Genuss von der Alb geworden. Und von den kurzen Wegen der Vermarktung profitieren auch die Schäfer, die ihre Kunden in der unmittelbaren Nachbarschaft finden.

Wo einst die Schäfer liefen

Heidenheim ist zwar von Industriebetrieben geprägt, die Schäferei hat aber bis heute ihren Platz in der von Wacholderheiden umgebenen Kreisstadt. Und nicht nur das: Über Jahrhunderte hinweg fand hier der traditionsreiche Schäferlauf statt. Am 1950 eingeweihten Heidenheimer Naturfreundehaus, eröffnet sich ein weiter Blick über die Stadt. Im Vordergrund liegt der Brenzpark, zu dem auch der einstige Schäferlaufplatz gehört, der heute als Volksbank-Arena Raum für Veranstaltungen bietet. In der Ferne, mit Blick nach Osten, sieht man die Wacholderheide der Täsch, Platz des Leistungshütens. Letztmals liefen im Jahr 2008 in Heidenheim Schäferinnen und Schäfer um die Wette. Danach endete eine über fast dreihundert Jahre immer wiederbelebte Tradition. 1723 hatte Herzog Eberhard Ludwig die in Markgröningen angesiedelte Schäferzunft aufteilen lassen. So genannte Nebenladen entstanden daraufhin in Wildberg, Bach Urach und Heidenheim. Somit fanden auch hier jährliche Zunfttreffen samt Schäferlauf statt. Nach der Aufhebung der Zünfte 1828 schlief die Tradition zunächst ein. Im 20. Jahrhundert erfuhr der Schäferlauf in Heidenheim dann mehrere Neuauflagen, ab 1972 fand er regelmäßig alle zwei Jahre statt.

Im Frühjahr kommt der Scherer

Auf dem Schafhof der Familie Widmann erledigen Profis das Scheren der Schafe mit geübten Handgriffen binnen weniger Minuten. Dass Schäfer vom Verkauf der Wolle ihrer Schafe leben, ist ein Irrglaube. Selbst die hochwertige Wolle der Merinoschafe, die zu Tausenden über die Schwäbische Alb ziehen, erbringt nur wenig Ertrag für den Schäfer. Sich die Arbeit und den Aufwand der Schur einfach zu sparen, ist aber ausgeschlossen: Die dichte, schwere Wolle, die den Tieren im Winter wie der sprichwörtliche warme Mantel dient, wäre im Sommer viel zu warm. Die Schafe könnten überhitzen. Zudem hilft das geschorene Fell, die Tiere sauber zu halten. Und auch wenn die Tiere beim Scheren nicht sehr begeistert wirken – ein geübter und erfahrener Scherer verletzt die Schafe nicht und kann sie nach wenigen Minuten wieder zu ihrer Herde entlassen. Mehrere Kilogramm Wolle gibt ein ausgewachsenes Schaf jährlich ab.

Das Härtsfeld: rau und schön

Die Menschen auf dem Härtsfeld sind so kernig, wie die Landschaft um sie herum rau ist. Die Schäferei war hier immer noch ein bisschen fordernder als anderswo – verbunden mit viel Arbeit und wenig Ertrag. Karg, rau, früher bitterarm – so ist und war das Härtsfeld. Aber es entschädigt seit jeher auf seine ganz eigene Art, wie hier mit einem reizvollen Ausblick über die sanften Hügel bis zum Kloster Neresheim. Für die Schäfer, die hier einst ihre Herden entlangtrieben, war das Kloster vor allem eine Landmarke zur Orientierung. Viel Freude werden sie mit diesem trockenen Landstrich und seinen mageren Heiden nicht gehabt haben. Zu den Reichsten zählten die Schäfer noch nie, auf dem Härtsfeld mussten sie sich ihr Brot aber noch einmal ein bisschen härter verdienen. Heute ist hier kein hauptberuflicher Schäfer mehr ansässig. Die typischen Wacholderheiden mit ihrer einzigartigen Flora und Fauna sollen natürlich trotzdem überdauern. Deshalb bringen die Schäfer aus dem Umkreis ihre Herden regelmäßig zum Weiden hierher.

Heidefläche von seltener Qualität

Auf dem Naturschutzgebiet Fliegenberg sind Schafe als Landschaftspfleger im Einsatz und sorgen ganz nebenbei für eine faszinierende Artenvielfalt. Der Härtsfeldsee mit seinen vielen Fischen und Wasservögeln täuscht einen Wasserreichtum vor, den es auf dem Härtsfeld gar nicht gibt. Der See dient vielmehr als Hochwasserrückhaltebecken, auch wenn die Egau die meiste Zeit über ein sehr beschaulicher Fluss ist. Weit typischer für die karge Landschaft ist der Fliegenberg, der sich über einen Westhang des Egautals erstreckt. Dieses 28 Hektar große Naturschutzgebiet umfasst vor allem sehr artenreichen Magerrasen mit einer Vielzahl bodenlebender Insekten und typischen wärmeliebenden Pflanzen. In den Heckenstreifen tummeln sich Vögel wie die Goldammer oder der Zilpzalp. Turmfalken nutzen an Sommertagen die Aufwinde, um zur Jagd still in der Luft zu stehen. Geprägt ist diese faszinierende Landschaft durch die Schafe, die durch regelmäßiges Beweiden den Artenreichtum erhalten.

Waldarbeit für Schafe

Als Schafweide sind nicht nur die weitläufigen Heideflächen oder Wiesen geeignet – wie in früheren Jahrhunderten treiben Schäfer ihre Tiere auch wieder in sogenannte Hutewälder. Über viele Jahrhunderte hinweg galten Wälder nicht nur als Quelle für Brenn- und Bauholz, sie dienten auch als Futterquelle für das Vieh. Schweine als Allesfresser fanden hier ohnehin einen reich gedeckten Tisch. Aber auch Ziegen, Rinder und Schafe wurden in den Wald getrieben, wo sie Gräser, niedriges Gehölz oder auch Eicheln und Bucheckern fraßen. Lange Zeit waren die Hutewälder fast in Vergessenheit geraten, bis ihr ökologischer Wert neu erkannt und schätzen gelernt wurde. Immerhin bieten diese oft sehr lichten Waldflächen vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten einen speziellen Lebensraum.

Ausblick vom Rande der Hölle

Im Laufe der Jahrtausende grub sich der Höllbach ein Tälchen, das wie eine Miniaturversion der Heidenheimer Brenzregion wirkt: Leben spendendes Wasser, gesäumt von Heiden und Äckern, aus der Höhe faszinierende Ausblicke. Die gemächliche Wanderschaft der Schäfer mit ihren Herden folgt natürlich nicht dem Zweck, die schönsten Aussichtsplätze zu finden, schließlich wollen die Tiere nahrhaftes Gras und Kräuter fressen und brauchen ausreichend Wasser. Hier, am engen Hölltal, lässt sich dennoch einmal alles vereinen: Die Heiden folgen dem Bogen des Bächleins bis an den Stadtrand von Giengen, und wer die Hänge erklimmt, erblickt das sich öffnende Brenztal und weiter südlich das Donaumoos. Solche Ausblicke sind auch für die Schäfer, die täglich so viel in der Natur arbeiten, ein Genuss. Das Tempo der Wanderschaft bestimmt übrigens der Schäfer, der für die Herde eine Art Leittier ist: Geht er weiter, folgen ihm die Schafe. So stellen die erfahrenen Schäfer in der Region sicher, dass die Wacholderheiden sorgfältig und gründlich gepflegt werden, bevor sie zur nächsten Fläche weiterziehen.

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